Gerald Hartung (Philosoph)

Perspektive und Form

Seit ein paar Jahren schon kreisen unsere Gespräche um die zerstörte Perspektive. In immer neuen Variationen halten wir das Thema in Worten und Skulpturen fest. Auf meinem Berliner Schreibtisch steht gerade Der Denker in ebendieser, für Justus charakteristischen Formgebung. Und es kommt auf mich an, manchmal sogar auf meine Tagesform, ob ich in der Lage bin, die Skulptur Rodins in meiner Betrachtung zu rekonstruieren. Für mich als Philosophen, der es in einer bestimmten professionellen Weise mit dem Denken zu tun hat, steckt darin eine kaum zu überschätzende Provokation.
Mir scheint, daß ich nicht die ganze Dimension, die das Thema der Perspektivenzerstörung für einen bildenden Künstler hat, verstanden habe. Wie sollte ich auch? Für mich sind Materialen, wenn es sich nicht um Wortmaterial handelt, der natürliche Feind. Meine Art der Objektbeziehung, um einem Wahl-Wiener mit Freud beizukommen, ist geistiger Natur. Also ist meine Annäherung oder mein Beitrag zum Thema ein spekulativer Umweg. Immer bleibt der Verdacht, ich könne auf dem Holzweg sein, deshalb suche nach Wegmarken. Eine solche ist die kunst- und kulturgeschichtliche Dimension des Konzepts der zerstörten Perspektive.
Nimmt man es beim Wort, dann zeigt sich folgender Gedankenverlauf: Künstlerischer Ausdruck und das Konzept der Perspektive sind zwei Seiten einer Medaille. Das erkannt zu haben, ist die große Leistung der Renaissancekünstler. Zwischen ihnen und uns liegen nicht nur mehrere hundert Jahren, sondern auch die ernüchternde Einsicht, daß der Sinnhorizont unserer abendländischen Kultur auseinander gebrochen ist. Wir haben alle Werte und Institutionen einer Generalrevision unterzogen und damit die Einheit der Tradition zerstört, die zum Beispiel dem zeitgenössischen Betrachter von Leonardos Abendmahl dessen Sinnkonzept erschließen ließ und ihn vor wirren Phantasien schützte. Wir stehen außerhalb dieses Horizonts und somit kann man auch mit Fug und Recht sagen, daß unsere einheitliche Perspektive zerstört ist.
Es ist aber gleichsam noch dramatischer: Diesseits eines einheitlichen Sinnkonzepts, haben wir es mit einer unüberschaubaren Fülle von Sinnkonzepten zu tun. Unser Leben selbst ist perspektivisch, das heißt – um mit Friedrich Nietzsche zu reden – die Welt ist uns in der nachkopernikanischen Zeit noch einmal unendlich geworden. Versuchten die Renaissancekünstler noch, die Unendlichkeit des Raums in der Konstruktion einer einheitlichen Betrachterperspektive zu bannen – man denke nur an Michelangelos Konstruktion von Skt. Peter in Rom – so kommt es heute darauf an, die perspektivische Vielfalt im Auge des Betrachters anzuerkennen und zum Gestaltungsprinzip zu erheben.
Dieser Gedanke, so spekulativ er sein mag, ist äußerst problematisch. Denn er enthält für jeden Einzelnen von uns eine ungeheure Zumutung. Wer davon spricht, daß unser Leben notwendig perspektivisch ist, der meint ein Moment der Befreiung und Belastung zugleich. Einerseits ist es befreiend, wenn wir unser Leben sinnvoll gestalten und dabei wenig Rücksichten auf Tradition und Überlieferung, auf Sitte und Herkunft nehmen müssen. Andererseits ist es aber auch so, daß diese Freiheit ihren Preis hat, der sich von jedem Einzelnen in einer Bilanz des Gelingens und Mißlingen sinnvollen Lebens berechnen läßt. Freiheit als bloße Willkürfreiheit ist unbefriedigend, deshalb hat Kant das Wort von der Freiheit zur Selbstgesetzgebung geprägt. Die einzige Freiheit, die diesen Namen verdient, ist diejenige, die sich selbst eine Form gibt und eine Grenze zieht. Der Weg von der Unfreiheit im Klammergriff überlieferter Sinnkonzepte darf nicht zur Willkürfreiheit einer sinnentleerten Existenz, sondern soll zur Formgebung sinnerfüllten Lebens führen. Das mag sich unmodern anhören, ist es aber nicht. Dieser Gedanke verweigert sich nur der Illusion, daß wir aus unserer Geschichte heraustreten und uns als Kulturwesen verabschieden könnten.
Wer diesen Abschied predigt, der verfällt tatsächlich einer verhängnisvollen Illusion, denn er verfehlt die Einsicht, daß es nicht pure Lust oder gar der Überfluß an materiellen Dingen ist, die uns dazu nötigen, unser Leben als einen einheitlichen Sinnzusammenhang zu deuten. Vielmehr ist es die Erfahrung von elementarem Mangel, einer Bedürftigkeit von Geburt an und einem Ungenügen an allen Tricks der Bedürfnisbefriedigung, die uns vorantreibt. Seitdem wir Menschen als das Lebewesen über den Erdkreis streifen, das nicht mehr in der Erfahrung seiner Umwelten aufgehoben ist, gehen wir diesen Sonderweg einer Mangelexistenz. In den alten Mythen unseres Kulturkreises findet sich noch die Erinnerung daran, daß es die Fähigkeit zum sprachlichen und gestaltenden Ausdruck war, die uns aus den jeweiligen Umwelten der Wälder, Wüsten, Berge und Meere herausgehoben und vertrieben hat. Diese Fähigkeit hat von Anfang an ihr Janushaupt, als Gabe und Fluch zugleich, gezeigt. Denn sie ermöglicht, durch einen schöpferischen Akt die Dinge unserer Umgebung zu benennen, ins Bild zu stellen und damit zu bannen – aber sie schafft auch Distanz. Erst werden die Naturgewalten, dann die Götter, schließlich der eine Gott bemüht, diese Distanz erträglich zu gestalten. Ich bin ein Gast auf Erden, verbirg deine Gebote nicht vor mir, fleht der Psalmist. Zwar verfügen wir über vielfältige Möglichkeiten der Formgebung, die jedes Gefühl, jede Wahrnehmung und jedwedes Erleben objektivieren, aber dem steht der Vertrauensverlust in unsere Sinne entgegen. So bricht schon am Anfang der Kulturgeschichte die Kluft von Sinnlichkeit und Sinn in uns auf und der fortwährende Kampf um Werte und Wahrheiten scheint zwangsläufig seinem vorläufigen Ende entgegenzustreben, an dem es heißt: alle Sinn- und Formgebung ist vorläufig und unser Leben ist notwendig perspektivisch.
Bekanntlich leben wir nicht nur unser Leben, sonder führen es. Lebensführung schließt die Deutung des Lebenszusammenhanges ein. Das aber heißt, daß wir ständig bemüht sind, die Diskrepanz zwischen Sinn und Sinnlichkeit im Rahmen des Erträglichen zu halten. Wir suchen nach einer Einheit, die wir verloren haben. Und wir zerstören gleichzeitig die Einheitskonzepte, die uns eine bekömmliche irdische Existenz ermöglichen könnten. Das zu erkennen ist Bestandteil unumgänglicher Erinnerungsarbeit an der Herkunftsgeschichte unserer Kulturwelt, mitsamt ihrem geistigen Horizont. In meinen Augen leistet Justus Lück dies als philosophierende Künstler. Seine Arbeiten liefern Anzeichen dafür, daß es nicht darum geht, die zerstörte Perspektive zu bejubeln oder zu bedauern, sondern sie als einen Wesenszug unserer Kulturwelt anzuerkennen und zu durchdenken. Und daß wir uns bemühen sollen, die Kraft dieses Gedankens in die künstlerische Arbeit einfließen zu lassen.