interview über die arbeit von paul-justus lück

aw:

sie waren früher steinbildhauer, hat das einfluß auf ihre laufbahn genommen?

pjl:

ich bewundere gute handarbeit. als bildhauer kommt man daran nicht vorbei.

aw:

sind sie bildhauer aus überzeugung?

pjl:

nein, eigentlich nicht. ich wollte malerei studieren. als ich mit meiner bewerbungsmappe dann an die akademie kam, wies mir der portier – als er meine hände sah – den weg zur aufnahmeprüfung an die meisterschule für bildhauerei! auf diese art bin ich von meinem vorhaben abgekommen und habe bildhauerei studiert. fragen sie mich bitte nicht, warum. (lacht)

aw:

als ich ihre skulpturen das erste mal sah, habe ich mich gewundert, wie klein sie sind. warum machen sie ihre arbeiten nicht größer?

pjl:

die größe ist genau richtig. die skulptur selbst bestimmt die entfernung, aus der sie betrachtet sein will, und ich will, daß der betrachter genauso nahe an meine arbeiten herangeht, wie ich beim modellieren! kunstwerke haben eine intimsphäre. in die möchte ich den betrachter hineinziehen. der drang, tonnenschwere kunstobjekte selbst in stein zu machen, hat sich verabschiedet, als ich meine wirbelsäule auf einem röntgenbild gesehen habe. meine jetzigen skulpturen in ein „landschaftsformat“ zu bringen ist jedoch erklärtes ziel.

aw:

formal sind ihre skulpturen direkte umsetzungen von zeichnungen in die dritte dimension. welche faktoren spielen bei der realisierung für sie eine rolle?

pjl:

licht, schatten und bewegung. licht und schatten modellieren meine arbeiten. aber der jeweilige standpunkt des betrachters erst verschlüsselt oder entschlüsselt. sehen sie, eine linie kann unter berücksichtigung von licht und dem dazugehörigen standpunkt als punkt erscheinen. sie kann aber auch eine fläche sein. meine skulpturen sind eigentlich in metall gegossene dreidimensionale zeichnungen.

aw:

sie spielen also mit den dimensionen. wenn sie „Zeichnungen“ dreidimensional modellieren, welche bedeutung hat dann die zeichnung an sich für sie?

pjl:

bisher habe ich meine schwierigkeiten mit der zeichnung gehabt. eine zeichnung ist wohl das unmittelbarste was ein künstler zum ausdruck verwenden kann. das ist wie a capella auf der bühne singen. kunst ohne netz gewissermaßen. bisher habe ich die zeichnung aber zur planung verwendet. aber, ich bin auf der suche

aw:

welche bedeutung haben banale gegenstände wie die steckdose für sie?

pjl:

eine wichtige. haben sie schon mal einen stromschlag bekommen? das vergisst man nicht. ich empfand das als animalische kraft. so ist diese arbeit z.b. für mich zum symbol für energie geworden. türschnalle, tisch, bett. alles alltagsgegenstände – eigentlich kultgegenstände, mit denen wir täglich konfrontiert sind, ohne ihnen die gebührende bedeutung beizumessen. es wäre mehr als eine kulturrevolution, nähmen wir unserem alltag auch nur einen gegenstand weg! ich finde sie immer wieder faszinierend und gebe ihnen auf meine art bedeutung und aufmerksamkeit zurück.

aw:

zum alltag gehören auch sexualität oder religion. wie tauchen diese themen in ihren arbeiten auf?

pjl:

sexualität begegnet ihnen zb. in der religiösen kunst ständig. auch hier muss man nur den richtigen standpunkt einnehmen. der schöpfergott in michelangelos fresko sieht natürlich einen entblößten adam vor sich. marienbildnisse strotzen oft nur so vor weiblichkeit! und selbst christus können sie nahezu in jeder kirche unter den schurz schauen.

aw:

beim umschreiten ihrer skulpturen lassen sie oft verschiedene assoziationen zu. das „bett“ z.b. sieht aus wie eine rose, verfolgen sie diese janusköpfigkeit bewusst?

pjl:

was gibt es schöneres als ein rosenbett? in dieser und in einigen anderen arbeiten habe ich schon mit der doppeldeutigkeit von skulpturen experimentiert. wir assoziieren und interpretieren unentwegt. das anzuregen ist mein programm.

henry moore hat einmal gesagt: „plastik ist wie eine reise. bei der rückkehr hat man eine andere ansicht. die dreidimensionale welt ist voller überraschungen, die eine zweidimensionale welt nie bieten kann “ .

aw:

das deckenfresko von michelangelo oder das ingresbild „die badende von valpinçon“. warum lehnen sie sich an die alten meister an?

pjl:

weil sie nicht wackeln! diese meister haben lange gesucht, bis sie zu einem geeigneten standpunkt gekommen sind. – ich lehne mich nicht nur an. wie ein dieb trete ich in die bilder ein. dann sehe ich mich in dem bild um, entdecke neue interessante blickwinkel, nehme diese und verwende diese für meine arbeit.

aw:

man hat den eindruck, sie kennen keine gerade oder keinen rechten winkel. bei ihnen ist alles fließend „organisch“.

pjl:

ich bin kein purist. man weiß ja, daß die gerade oder z.b. der rechte winkel praktische, sehr brauchbare lügen sind. und wir alle leben ganz gut damit! in meinem werk spielen die gerade und der rechte winkel eben nur eine nebenrolle.

aw:

ihre kunst versucht den betrachter in ihren blickwinkel zu ziehen und…

pjl:

….genau das.

aw:…und diese dierektkeit läßt mich zu der vermutung kommen das sie einen direkten weg zum rezipienten bevorzugen?

pjl:

seit den afrikanischen masken, den ägyptischen monumentalplastiken, den infernos des hieronymus bosch wird die kunst immer nur einen weg zum menschen suchen , den direkten, den unter die haut.

aw:

in ihrer malerei fällt es schwer, sofort etwas zu erkennen. man sieht eigentlich „nur“ eine homogene farbe. knüpfen sie damit inhaltlich an ihre bildhauerische idee des „versteckens“ an? oder handelt es sich hier um ihre form von reduktion?

pjl:

nichts ist so entspannend wie die wahrheit. in der malerei die zweite dimension (>zweite farbe) wegzulassen (mithilfe der sie jahrhunderte lang drei dimensionen suggerierten) macht die malerei wieder zu dem was sie vordringlich sein sollte, nämlich eine farbaussage. so versuche ich eben bilder in e i n e r farbe zu malen. zuerst mache ich eine zeichnung auf die leinwand. danach bemale ich die leinwand so lange, bis diese zeichnung in dem „farbbrei“ untergeht und fast verschwindet. das ergebnis ist eine scheinbar ruhige farbfläche. das ist für mich einerseits wie malerische wellness, andererseits entspricht es der wahrheit.

aw:

soll ihre kunst die welt verbessern?

pjl:

ein wenig ablenkung vom alltagsstreß ist doch schon eine kleine verbesserung,oder? mir reicht es, wenn betrachter nur einen kurzen moment durch meine arbeiten irritiert sind. genau dieser moment ist mir heilig. ich bin künstler, weil ich farbe und form bewegen will, und nicht die gesellschaft, sonst wäre ich vielleicht politiker geworden.

aw:

sie malen mit ölfarben?

pjl:

ja. klassisch, nicht?! ölfarben haben körper,tiefe, geruch und sind einfach herrlich langsam – und unberechenbar!

aw:

das „verstecken“ ihrer wirklichkeit, ist in ihrer arbeit ein durchgehendes thema. könnte man sie hier auch persönlich ein bisschen ent-decken?

pjl:

(lacht). ja. ich liebe überraschungen. meine wirklichkeit lässt sich eben nur von meinem (einem) standpunkt aus entdecken.

aw:

welche bedeutung hat musik für sie und ihre arbeit?

pjl:

sie sehen doch diese hände hier! sie sind geeigneter, mit ton zu komponieren! aber ich lerne von ihr. musik geht noch direkter unter die haut.

z.b. habe ich vor jahren auf einem konzert den jetzt schon verstorbenen trompeter don cherry spielen gehört. er saß auf dem boden und hat in eine kleine posthorntrompete „hineinimprovisiert“. uninspiriert brach er ab und schüttelte den kopf, fragte dann ganz lapidar das publikum: „why is simplicity so difficult?“ nach dieser öffentlichen einsicht hat er noch einen genialen abend hingelegt. seitdem bemühe ich mich auch um einfachheit in meiner kunst.

aw:

glauben sie an gott?

pjl:

die erfindung oder die entdeckung?

aw:

nehmen sie drogen?

pjl:

nein, drogen haben leider keine langzeitwirkung. gute kunst schon, die brennt sich ins gedächtnis ein. ein gläschen rotwein ist aber gesund.

aw:

wenn sie ein prophet wären: in welche richtung entwickelt sich, glauben sie, die bildende kunst?

pjl:
die biblischen propheten sind immer haarscharf der gefahr entkommen. ich werde mich hüten anzufangen darüber auch noch nachzudenken.

aw:

was machen sie, wenn sie nicht künstlerisch arbeiten?

pjl:

da arbeite ich z.b. mit meiner frau an friedlicher koexistenz und liebe. oder ich koche.

aw:

werden sie ihrem künstlerischen stil treu bleiben?

pjl:

ja unbedingt, denn einen zweiten findet man nicht.

aw:

vielen dank für das interview.