Alles eine Frage der Perspektive.

Andrea Schurian im Gespräch mit Paul Justus Lück

Das sagen viele Kunstschaffende: dass ihnen die Unterscheidung in „abstrakt“ und „gegenständlich“ gar nicht so wichtig ist, diese Diskussion sei obsolet.
Und dann machen sie entweder abstrakte oder gegenständliche Kunst oder einmal diese, einmal die andere, aber nie beides zugleich. Paul Justus Lück macht genau das: gegenständlich-abstrakte Objekte, abstrakte Gegenständlichkeiten, sehr reale Abstraktionen, organische Formen und Knödel und Ausbuchtungen und Kuhlen und Hügel, in edles Material gegossen.
Und dann dreht der Betrachter diese kleinen Skulpturen und kneift die Augen zusammen, schaut nur mit einem und die Perspektive ändert sich, der Lichteinfall stimmt und plötzlich verwandeln sich die abstrakten Objekte wundersamerweise in ein Bett, eine Steckdose, eine Rose, eine Lampe, eine Kaffeetasse, einen Schnuller.
Und dann fragt man sich: Woher kommt das?
Und dann: Wo wird das noch enden?

A. S.: Hat dich Ikonenmalerei fasziniert?
P. J. L.: Ja, die fand ich interessant, weil sie ganz andere Perspektivgesetze entwickelt hat. Die Ikonenmaler haben bewusst 400 Jahre voll an der Renaissance vorbei gearbeitet. Illusionsmalerei war für sie nie interessant. Das fand ich großartig. Sie haben beispielsweise Jesus größer als seine Jünger gemalt, einfach weil er wichtiger war. (Lacht) Das ist wie in meiner Rechtschreibung in der Schule: ich habe damals auch einfach alles groß geschrieben, was mir wich¬tig war.
A. S.: Kunst ist ja immer auch eine ganz subjektive Weltsicht!
P. J. L.: Eben! Ich will die Welt durch meine Brille, von meinem Standpunkt aus sehen. Jetzt könnte man sagen, einer, der immer nur alles aus seinem Blickwinkel sehen will, ist ja eigentlich zu bedauern. Dem wirft man vor, dass er betriebsblind ist.
Ich habe immer um Skulpturen herumgearbeitet, aus einer ganz bestimmten Perspektive. Eigentlich sind diese Skulpturen ja wie ganz einfache Zeichnungen, z. B. eben eine Steckdose von vorne. Meine Skulpturen sind dreidimensionale Zeichnungen.
A. S.: Die Arbeiten sind fließend, organisch.
P.J-L: Der rechte Winkel kommt in der Natur nicht vor, er ist eine Erfindung von Menschen, so wie auch die Zahlen. Die Gerade oder z. B. der rechte Winkel sind praktische, sehr brauchbare Lügen. In meinem Werk spielen sie nur eine Nebenrolle.
A. S.: Was hat dich zu diesen Verzerrungen inspiriert? Gibt es Einflüsse, Vorbilder?
P. J. L.: Diese verzerrte Perspektive gibt es auch bei Hans Holbein. Eines meiner Lieblingsbilder heißt „The Ambassadors“ und hängt in London in der National Gallery.
A. S.: Da ist doch auch ein anamorpher Totenschädel abgebildet.
P. J. L.: Genau. Der lässt sich nur aus extremer Schrägsicht erkennen, am besten schaut man überhaupt nur mit einem Auge. Diese extreme Perspektive fasziniert mich und hat mich sicherlich auch inspiriert.
A. S.: Du gehst bei deinen Objekten immer von einem realen Ding, einem Designgegenstand oder auch von Themen der Kunstgeschichte aus. Eine rein abstrakt-formale Herangehensweise interessiert dich nicht?
P. J. L.: Design interessiert mich, das ist in jedem Land anders. Design er¬fährt im Alltag meist keine Beachtung. Aber das ist auch unser Kulturerbe: Möbel, Häferln, Lampen. Und natürlich könnte ich immer so weiterma¬chen, aber es fehlt mir ein bisschen das Erzählerische in dem Ganzen.
A. S.: Ich sehe das nicht so. Ich finde, es sind sehr erzählerische Skulpturen.
P. J. L.: Meine Arbeiten sind formgewordene Experimente. Poetisch sind manchmal die Interpretationen der Formen. Zum Beispiel, wenn jemand sagt: „Aha, das ist vielleicht eine Rose“, oder „Das ist vielleicht ein Bett“. Das ist das Assoziative an den Arbeiten. Aber das lässt nicht viel an Erzählerischem zu.
A. S.: Aber das funktioniert nur, wenn du den Schlüssel zum Sehen gibst, wenn du zeigst, aus welchem Blickwinkel man dein Objekt betrachten muss.
P. J. L.: Ja, zusätzlich gebe ich den Skulpturen einen Titel. Und dann fragt jeder: „Wo ist das?“, und sagt: „Ich sehe nichts!“ Spannend ist, ob jemand den Blickwin¬kel, die richtige Anschauung von sich aus findet. Man muss um das Objekt herumgehen, es anders positionieren, aufstellen, hinlegen: dass jemand das Motiv selbst sofort erkennt, ist kaum möglich.
A. S.: Die Arbeiten erlauben keine eindeutigen Interpretationen.
P. J. L.: Ja, genau. So wie das Beobachten von den Wolken, die ständig in Bewegung sind.
A. S.: Also, je nachdem, wie man deine Objekte dreht und wendet, lassen sie oft verschiedene Assoziationen zu. Das Bett beispielsweise sieht von einem anderen Blickwinkel wie eine Rose aus. Bewusste Doppeldeutigkeit?
P. J. L.: Was gibt es Schöneres als ein Rosenbett? In dieser und in einigen anderen Arbeiten habe ich schon mit der Doppeldeutigkeit von Skulpturen experimentiert. Wir assoziieren und interpretieren unentwegt. Das möchte ich anregen, vorantreiben. Henry Moore hat einmal gesagt: „Plastik ist wie eine Reise. Bei der Rückkehr hat man eine andere Ansicht. Die dreidimensionale Welt ist voller Überraschungen, die eine zweidimensionale Welt nie bieten kann.“
A. S.: Deine Skulpturen sind eher klein. Warum machst du sie nicht größer?
P. J. L.: Die Größe ist genau richtig, denn die Skulptur selbst bestimmt die Entfernung, aus der man sie betrachten soll. Ich will, dass der Betrachter genauso nahe an meine Arbeiten herangeht wie ich beim Modellieren. Kunstwerke haben eine Intimsphäre. Und ich möchte den Betrachter in diese Intimsphäre hineinziehen.
A. S.: Wie wichtig ist das Material?
P. J. L.: Bronze- und Aluminiumguss habe ich genommen, weil es edle Materialien sind. Aber in Zukunft möchte ich mit ganz anderem Material arbeiten: mit einem, das Farbe erlaubt. Bronze und Alu bieten nicht die Möglichkeit des Malerischen.
A. S.: Warum willst du mit Farbe arbeiten?
P. J. L.: Ich weiß es auch nicht. Irgendwie habe ich das Gefühl, der Bildhauer ist ein reduzierter Typ, ohne Farbe. Mit den neuen Arbeiten möchte ich nun die Grenze zwischen Malerei und Skulptur verwischen.
A. S.: Aber es gibt doch farbige Skulpturen?
P. J. L.: Ja, es gibt schon bemalte Skulpturen. Für mich ist Farbe eine Entdeckung und ich möchte künftig himmelblau und wolkenweiß modellieren.
A. S.: Wenn du jetzt farbig wirst, werden deine Arbeiten wieder zwischen realistisch und abstrakt oszillieren?
P. J. L.: Ja, genau, darum geht es mir weiterhin, aber ich sehne mich auch nach dem Träume¬rischen, dem Poetischen in der Kunst. Ich freu mich einfach drauf, dass ich malerisch sein darf. Ich habe Versuche angestellt, ein Material für mich zu entwickeln, das man kneten kann und das Farbe hat. Ich mische Pig¬mente mit einer eigens geschaffenen Knetmasse und modelliere sie, dann modelliere ich die Farbe auf unebene Flächen. Das Ergebnis wird ein ganz anderes, neues sein und wieder ein Spiel mit Perspektiven, Licht und Schatten.
A. S.: Fasziniert dich das neue Material?
P. J. L.: Ja, sehr, ein bisschen bildhauerisch werden die Bilder dann auch. Aber auch changierend, flirrend. Und es werden auch wieder organische Formen. Es ist eine Weiterentwicklung.
A. S.: Ist diese Lust an der Malerei neu?
P. J. L.: Nein, ich wollte eigentlich Malerei studieren. Als ich mit meiner Bewerbungsmappe an die Akademie kam, schaute der Portier auf meine Hände – und wies mir den Weg zur Aufnahmeprüfung an die Meisterschu¬le für Bildhauerei! So wurde ich Bildhauer.
A. S.: Du hast eigentlich Steinbildhauerei gelernt. Interessiert dich das nicht mehr?
P. J. L.: Nee. Ich könnte das auch nicht mehr mit meinem Rücken. Da habe ich so viele Tonnen gehoben – nein, das will ich nicht mehr. Dafür würde ich Maschinen brauchen. Ach Gott, nicht, dass ich es mir leicht machen wollte. Aber, nee, das ist zu aufwändig in der Stadt. Als Steinbildhauer in Wien, da brauchst du ein riesiges Atelier.
A. S.: Was hast du als Bildhauer in Stein gearbeitet?
P. J. L.: Meterhohe Bücherregale, den Walfisch mit dem Jonas usw. 1993 beim Bildhauersymposium im Krastal habe ich dann begonnen, Formen zu verzerren.
A. S.: Wieso bist du eigentlich nach Wien gekommen?
P. J. L.: Studium und Freundin. Das war 1986. Dann bin ich hiergeblieben und habe am Stephansdom restauriert und viel über das Handwerk gelernt, das mich immer beeindruckt hat. Erst das Studium der Bildhauerei hat mich dann der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts näher gebracht.
A. S.: Willst du mit deiner Kunst die Welt verbessern?
P. J. L.: Nicht verbessern, irritieren. Der Moment, in dem ein Betrachter irritiert ist, genau dieser Moment ist mir wichtig. Ich bin Künstler, weil ich Farbe und Form bewegen will und nicht die Gesellschaft, sonst wäre ich vielleicht Politiker geworden.